Koreanisch (한국어 Hangugŏ / 조선말 Chosŏnmal)

Sehr zu meiner Freude habe ich schon vier Tage nach dem Rückschlag von Sonntag wieder Lust bekommen, hier weiterzumachen. Die nächste Sprache begonnen habe ich in der Zwischenzeit natürlich schon, und zwar bin ich diese Woche zurück in Ostasien. Mit der koranischen Sprache verbindet mich bisher nichts außer einer gewissen Neugier, was wohl auf den Propagandabannern in den Nordkorea-Reportagen stehen mag.

Von der koreanischen Eigenentwicklung des Hangŭl, einer radikalen und innovativen Idee aus dem Mittelalter, bin ich ziemlich begeistert. Noch nie habe ich so wenig Zeit gebraucht, eine komplett neue Schrift zu erlernen. Die Ordnungsprinzipien sind klar: Grundkonsonanten wie /l/ und /s/ ähneln einfachen chinesischen Radikalen, daraus kann man nach transparenten Regeln gespannte und aspirierte Konsonanten bilden (per Verdopplung oder Ergänzung eines Striches), die Vokale bilden ein sehr transparentes System ausgehend von den Grundvokalen /i/ und /ɯ/, die durch Neben- und Zusatzstriche modifziert werden können. Aus /ɯ/ mach /u/ und dann /ju/, oder aber /o/ und daraus dann /jo/ – wunderbar!

Ironischerweise ist diese wohl einfachste aller Schriften am schwierigsten am Computer zu repräsentieren, weil man die Zeichen quadratisch zu Silben anordnet. So muss für jede mögliche Silbe (es sind ihrer ganze 11 171, von ga bis hih) ein eigener Codepoint in Unicode reserviert werden, wodurch die Größe der benötigten Schriftarten in einer Liga mit den vereinheitlichten chinesischen Ideogrammen spielt. Andererseits bekommt man durch diese Repräsentation ganzer Silben als atomare Einheiten größere Probleme bei der Textverarbeitung als mit den Ideogrammen, weil es durchaus morphologische und phonologische Prozesse gibt, die Silben einen Auslaut hinzufügen oder diesen abändern können. Computerlinguistik auf Koreanisch macht daher vermutlich wenig Spaß.

Veröffentlicht unter Koreanisch | 2 Kommentare

In eigener Sache: keine Liedtexte mehr

Bei meiner virtuellen Erkundung der französischen Musikszene diese Woche habe ich viele nette Dinge entdeckt, die ich gerne in üblicher Form auf diesem Blog gepostet hätte. Weil dabei allerdings immer wieder Musiker dabei waren, die bei größeren Labels unter Vertrag standen und das Posten von Blogtexten nicht als willkommene Publicity, sondern als Urheberrechsverletzung sehen könnten, habe ich mich lieber noch einmal grob über die Rechtslage informiert.

Das Ergebnis ist ziemlich eindeutig: Ich darf das aus urheberrechtlichen Gründen offenbar unter keinen Umständen solche Texte hier hineinstellen, insbesondere keine vollständigen. Zwar gibt es unzählige Blogs, die völlig sorglos auch die Songtexte von Mainstreambands beinhalten, aber anscheinend riskiert man dabei immer Abmahnungen seitens der Musikindustrie. Die entsprechenden Strafgebühren kann ich mir nicht leisten, so kann ich das Risiko nicht eingehen und muss ich mich damit der sehr unbefriedigenden und überraschend strengen Rechtslage beugen.

Für mich bedeutet diese Erkenntnis einen heftigen Einschnitt in die Art, wie ich dieses Blog gestalten kann. Ich werde vorsichtshalber alle Liedtexte, die ich bisher hier publiziert habe, wieder herausnehmen. Dadurch wird die bisherige Ausgewogenheit zwischen pseudolinguistischer Diskussion und dem Vermitteln kultureller Eindrücke natürlich völlig verlorengehen, womit ich sehr unglücklich bin. Mal sehen, in welche Richtung sich meine Tätigkeit hier nach diesem Bruch weiterentwickelt.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentare deaktiviert

Oïl, mon seigneur, alez vous seoir

In einer der letzten Bücherkisten fand ich heute ein sehr kurzweiliges Buch namens La Puce à l’oreille – Anthologie des expression populaires avec leur origine “Der Floh im Ohr – Anthologie volkstümlicher Redewendungen mit ihrem Ursprung”. Abgesehen vom sehr interessanten Inhalt schmökere ich auch deswegen mit Begeisterung darin, weil in den Geschichten über die Herkunft der Redewendungen oft in humorvoller Weise auf das Sprachkolorit vergangener Zeiten zurückgegriffen wird:

- Janyn, est notre souper
tout prest encore?
- Janyn, ist unser Abendmahl
nun gar bereyt?
- Oïl, mon seigneur, alez vous seoir
quant vous plaira.
- Jawohl, mein Lehensherr, setzet Euch,
so es denn Euch beliebt.
Fait le seigneur doncques et
soi regarde tout environ et dit:
Tut selbiges der Lehnsherr,
sieht einmal ganz um sich und sagt:
- Que dea! Encore est
la table a mettre!
- Der Leibhaftige hol’s! Noch ist
der Tisch hinzustellen!

Im weiteren wird dann erläutert, dass der Ausdruck mettre la table (wörtlich: “den Tisch (auf)stellen”, heute: “den Tisch decken”) im Mittelalter wörtlich zu verstehen war und das physische Aufstellen des schweren Banketttisches im beengten zugigen Mehrzweckraum einer Burg bezeichnete.

Gut möglich, dass ich diese Woche noch etwas aus diesem hübschen Büchlein bringe.

Veröffentlicht unter Französisch | Kommentare deaktiviert

Französisch (Français)

Diese Woche kehre ich zu einer meiner Schulsprachen zurück. Sie ist trotz mangelnder Sprechpraxis durch den Leistungskurs an der Schule immer noch eine der Sprachen, in denen ich mich am besten auskenne. In Zeitungen und Fernsehnachrichten verstehe ich normalerweise jedes Wort, nur mein literarisches Vokabular ist mangels Übung etwas schwach. Gerade durch das Lesen von Literatur werde ich meine Kenntnisse diese Woche mal wieder etwas auffrischen. Fraglich ist dabei noch, was dabei an Material für dieses Blog herausspringt, aber mir wird sicher Mitteilenswertes auffallen.

Recht lohnend finde ich es, die an der Schule gelernte Grammatik noch einmal mit deutlich geschulteren Augen Revue passieren zu lassen. Einige im Rückblick doch recht erstaunliche Eigenheiten verleiten mich dabei zu Spekulationen, wie ein Feldlinguist, der mit dieser Sprache in ihrer mündlichen Form konfrontiert wäre, ohne ihre Geschichte zu kennen, sie typologisch charakterisieren und ihre Phänomene systematisieren würde. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde das Ergebnis in etlichen Punkten stark von der Schulgrammatik abweichen, beispielsweise:

1) Sandhi: “Das Frãsɛ bedient sich einer ganzen Reihe komplexer phonotaktischer Mechanismen an Morphemgrenzen. Fast alle Morphemen treten in einer vor allem vorvokalischen und einer auch vor Konsonanten stehenden Pausalform auf, die sich jeweils nur eingeschränkt aus der jeweils anderen Form vorhersagen lassen. syfi:- und syfi:t- sind beispielsweise die Formen des Verbalstammes “genügen”, während das Adjektiv ʒãti:- “freundlich” die vorvokalische Form ʒãtij- hat.
Neben diesen Bindungsphänomenen gibt es eine Vielzahl von Verschmelzungen zwischen kleineren Morphemen, beispielsweise wird das plurale Determinatorpräfix le:- zusammen mit dem Dativpräfix a- zu o:z- mit der Pausalform o:-, und die Konjunktion si: verfließt mit dem generischen Pronomen der 1. Plural õ zu silõ.

2) Inkorporation: “Das äußerst komplexe Verbalsystem des Frãsɛ inkorporiert sämtliche pronominalen Objekte an festgelegten Positionen in die Verbformen, die im Indikativ in der Regel folgendem grundlegenden Schema folgen: [Subjektpräfix]-[indir.Objekt]-[dir.Objekt]-(Augment)-Stamm-[Tempus]-(Subjektsuffix),
z.B. il-me-l-a-don-é “er hat ihn/sie/es mir gegeben” oder nu:-l-avõ-pri: “wir haben ihn/sie/es genommen.”

3) Negation: “Die Negation erfolgt durch ein affigiertes -pá, das in den Augmenttempora allerdings unbetont als Infix zwischen Augment und Stamm steht: vgl. ty-m-voa-pá “du siehst mich nicht” vs. ty-m-a-pa-vý “du hast mich nicht gesehen.”

Solche Überlegungen sind für mich eine gute Übung, mir die bekannte Beliebigkeit althergebrachter Kategorien am Beispiel klar zu machen. Die Gedankenspiele dienen aber auch dazu, eine gewisse Vorsicht gegenüber sensationellen typologischen Befunden zu bewahren, die man sich auf diese Weise nur allzu leicht zurechtlegen kann.

Veröffentlicht unter Französisch | 3 Kommentare

Mama und Deda

Heute bringe ich nur ein paar lustige unzusammenhängende Fakten, die sich alleine schlecht in ganze Artikel gießen lassen, die ich aber doch festhalten möchte.

1) Als wahrscheinlich einziges Volk der Welt meinen die Georgier mit მამა mama den Vater, während die Mutter დედა deda heißt. Auch auf Georgisch gibt es die Interjektion შენი დედა sheni deda “deine Mutter”, allerdings hat man dafür schnell ein Messer zwischen den Rippen, weil es den schlimmsten aller Mutterflüche andeutet. Wieso? Ist doch Nominativ? Ja, aber das böse Verb gehört zur dritten Klasse der immer perfektiven, also invertierten Verben (siehe Spiegelperfekt).

2) Die modernen Monatsnamen sind Fremdwörter, allerdings in teils sehr interessanter phonemischer Gestalt: აგვისტო agvist’o, სექტემბერი sekt’emberi und ოქტომბერი okt’omberi. Immer ein kleiner Dreher drin, scheint es.

3) Das Zahlsystem ist hübscherweise komplett gemischt dezimal-vigesimal, wie z.B. das Französische teilweise. Das Ergebnis bereitet mir dazu auch noch höchstes phonetisches Vergnügen mit hübschen Exemplaren wie ორმოცდათხუთმეტი orm-oc-da-t-khut-met’i, etwa “drei-zwanz-und-z-fünf-mehr” für die Zahl 75, wobei “z-fünf-mehr” = 15.

4) Das Verb ბრძანება brdzaneba, das in formaler und höflicher Sprechweise das einfache Hilfsverb ყოფნა qopna “sein” ersetzt, wird gerne mit der “geruhen zu”-Konstruktion übersetzt, heißt aber eigentlich “befehlen”. Überraschend finde ich, dass dieses Verb mittels Vorsilben auch die Verben მისვლა misvla “gehen” und მოსვლა mosvla “kommen” ersetzen kann, so dass man letztlich “hingeruht” oder “hergeruht”. Ein Beispiel ist die förmliche Aufforderung, doch bitte einzutreten:

შემობრძანდით!
she-mo-brdzan-di-t!
rein-her-geruhen-OPT-2.PL
“Bitte kommen Sie doch herein!”

Veröffentlicht unter Georgisch | Kommentare deaktiviert

Spiegelperfekt

Vorgestern hatte ich ja ein Beispiel für die gespaltene Ergativität im Georgischen gebracht, indem ich einen Satz mit dem ditransitiven (und natürlich sehr unregelmäßigen) Verb მიცემა micema “geben” im Präsens und im Aorist zitiert habe. Die angekündigte Komplikation kommt jetzt, wenn wir das Beispiel in ein Tempus aus dem Perfektstamm setzen:

თქვენ მეგობრებისთვის წიგნები მიგიციათ.
tkven megobr-eb-is-tvis c’ign-eb-i mi-g-ici-a-t.
ihr-DAT Freund-PL-GEN-für Buch-PL-NOM geben-PRF-2PL
“Ihr habt den Freunden Bücher gegeben.”

Netterweise steht hier das Subjekt im Dativ (also dem Objektfall des Präsens, bei Pronomen wiederum formgleich mit dem Nominativ), das Objekt im Nominativ und das indirekte Objekt wurde zu einer noch obliqueren postpositionalen Wendung. Für die Verben der ersten Konjugation (und nur für diese) gilt damit folgendes Schema:

Stamm: Subjekt direktes Objekt indirektes Objekt
Präsens Nominativ Dativ Dativ
Aorist Ergativ Nominativ Dativ
Perfekt Dativ Nominativ [Postposition]

Es gibt andererseits auch Verben, die nur ein Kasusschema durch alle Stämme hindurch haben, und zwar sowohl Verben, die immer das Subjekt im Nominativ und das Objekt im Dativ haben, also auch solche, bei denen es genau umgekehrt ist. Reine Ergativverben gibt es hingegen nicht. Alles in allem ein erstaunlich komplexes System, in dem sich offenbar auch manche Georgier nicht immer völlig zurechtfinden. Zumindest habe ich eine georgische Freundin mal bei einer Unterschlagung des Ergativs erwischt, erstaunt nachgefragt und dann eine verschämte Korrektur zu hören bekommen.

Veröffentlicht unter Georgisch | 1 Kommentar

Georgisch (ქართული ენა)

Nun, wo der Umzug überstanden ist und alle Möbel wieder stehen, kann ich endlich wieder mehr Zeit meinem Hobby und damit auch diesem Blog widmen. Diese Woche kehre ich zu einer Sprache zurück, die mich während meines Zivildienstes in ihren Bann gezogen hat. Es gab zu dieser Zeit auf dem Buchmarkt nur einen Sprachführer, der um das ziemlich komplexe Verbalsystem einen viel zu weiten Bogen schlug, um die touristische Zielgruppe nicht zu verschrecken. Diesen Mangel konnte ich damals mit den spärlichen Quellen im Internet nicht kompensieren, was mir die sonst sehr gern betriebene Entschlüsselung von Texten weit über meinem Sprachniveau mit Hilfe von Wörterbüchern sehr schwer machte und unnötig verleidete.

Zwischendurch erschien allerdings im Jahre 2006 nach jahrelanger Wartezeit das Lehrbuch von Lia Abuladze und Andreas Ludden (es ist mittlerweile schon wieder vergriffen), das bei mir zunächst ein paar Jahre auf dem Regal Staub fing. Diese Woche habe ich jetzt endlich damit angefangen, dieses erfrischend trockene und altmodische Lehrbuch ernsthaft zu beackern, und bin hellauf begeistert. Vor allem werden sämtliche in den Lesestücken auftauchenden grammatischen Nuancen von Anfang an vernünftig erklärt, unter Verzicht auf die sonst übliche Auslassung wichtiger Stammformen beim Grundvokabular, die man sich dann später mühsam zusammensuchen muss.

Wenn ich mein Interesse an dieser Sprache begründen will, fällt mir zunächst die uralte Literaturtradition ein, dann der merkwürdige ästhetische Bruch von elbisch anmutender Schrift und kratzigem Konsonantenreichtum, dann die extrem widerborstigen unregelmäßigen Verben und natürlich die gespaltene Ergativität.

Im Lehrbuch wird der Objektfall im Nominativ-Akkusativ-Schema verwirrenderweise Dativ genannt, vermutlich deswegen, weil ditransitive Verben in diesem Schema zweimal mit dem gleichen Fall stehen, dieser aber beim indirekten Objekt im Ergativ-Absolutiv-Schema erhalten bleibt. Das sieht man an folgendem Beispiel:

თქვენ მეგობრებს წიგნებს აძლევთ.
tkven megobr-eb-s c’ign-eb-s adzlev-t.
ihr Freund-PL-DAT Buch-PL-DAT geben-2PL
“Ihr gebt den Freunden Bücher.”

თქვენ მეგობრებს წიგნები მიეცით.
tkven megobr-eb-s c’ign-eb-i mi-eci-t.
ihr-ERG Freund-PL-DAT Buch-PL-NOM geben-AOR-2PL
“(Und) ihr gabt den Freunden Bücher.”

Netterweise wird der Ergativ an Personalpronomina gar nicht markiert (bis auf bei ის “er,sie,es”, das ist aber auch eigentlich ein Demonstrativum) , und der Nominativ dient auch als Absolutiv. Verben im Aoriststamm induzieren also das Ergativschema, im Präsenstamm das Akkusativschema. Lustigerweise gilt das alles nur für einige Verbklassen, und das Perfekt funktioniert wiederum anders. Dazu aber morgen mehr.

Veröffentlicht unter Georgisch | Kommentare deaktiviert

Merkwürdig vertrautes Präfix se-

Ich bin diese Woche wirklich nicht weit gekommen mit der Einarbeitung in die indonesische Sprache. Ein grammatisches Phänomen ist mir immerhin aufgefallen, das hier eine Erwähnung verdient. Es handelt sich um das sehr vielseitig verwendete Präfix se-, das laut Lehrbuch aus satu “eins” entstanden ist und sich auffälligerweise fast genauso verhält wie das Chinesische “eins”, trotz nicht einmal entfernter sprachlicher Verwandschaft:

1) Als Zahlwort vor einem Zähleinheitswort (noch ein gemeinsames Phänomen fast aller asiatischen Sprachen). Im Lehrbuch steht dazu folgendes Beispiel:

Dokter menuliskan sehelai resep.
Doktor schreiben-auf ein-Blatt Rezept.

“Der Doktor schreibt ein Rezept aus.”

2) Als Zahlwort vor Mengenangaben. Diese werden auf Chinesisch ebenfalls als Zähleinheitswort klassifiziert, man kann das also wohl auch als eine Variante des gleichen Phänomens betrachten.

Saya minta secangkir kopi.
Ich bitten ein-Tasse Kaffee.

“Ich möchte eine Tasse Kaffee.”

3) Als Präposition im Sinne von “zusammen mit”. Mich erinnert diese Verwendung an das chinesische 跟…一起 gēn…yīqǐ mit der gleichen Bedeutung.

Saya tinggal serumah dengan si Amat.
Ich wohnen ein-Haus mit [Partikel] Amat.

“Ich wohne mit Amat zusammen.”

4) In Verbindung mit einem Adjektiv in der Bedeutung “genauso … wie”, vergleiche die sehr ähnliche chinesische Konstruktion mit 跟…一样… gēn…yīyàng…:

Pohon itu setinggi gereja.
Baum dies ein-groß Kirche.

“Der Baum ist so hoch wie die Kirche.”

Wenn man unvorsichtig wäre, könnte man meinen, in diesen Verwendungen des Zahlwortes äußerten sich ähnliche Denkstrukturen. So weit ich sehe, sind diese Konzepte in keiner europäischen Sprache lexikalisch oder durch gemeinsame Konstruktionen verbunden. Für mich deutet sich in solchen Strukturen ein Standard Average Asian analog zum gerne zitierten Standard Average European an.

Veröffentlicht unter Indonesisch | Kommentare deaktiviert

Indonesisch (Bahasa Indonesia)

Wie erwartet fordert der Umzug seinen Tribut, aber immerhin kann ich nebenbei Youtube-Videos über und auf Indonesisch schauen, meiner Sprache der Woche. Ich habe mich für diese in Indonesien als Verkehrssprache dienende Variante des Malaiischen entschieden, weil die verfügbare erschwingliche Lehrbuchliteratur sich auf diese Variante konzentriert. Die beiden Varietäten divergieren seit Jahrzehnten sehr stark, aber anscheinend sind sie jenseits der Sprachebene der Umgangssprache noch wechselseitig verständlich, laut Wikipedia etwa wie Schwedisch und Dänisch.

Aufgrund ihres für Sprecher fast aller Sprachen sehr unproblematischen Lautbestands ist Indonesisch immer wieder als eine mögliche Welthilfssprache vorgeschlagen worden. Neben der vor allem im südostasiatischen Vergleich wirklich sehr einfachen Phonologie (Silbenmuster fast immer Konsonant-Vokal, nur die fünf Grundvokale, keine Töne, kleines Repertoire an Konsonanten) hat sich Bahasa Indonesia, die Lingua Franca im extrem vielsprachigen Indonesien, auch als Hilfssprache sehr gut bewährt.

Im Moment ist Indonesisch für mich vor allem ein erster Einblick in die mir bisher völlig unbekannte austronesische Sprachfamilie. Natürlich habe ich in Linguistikbüchern viele Beispiele gerade aus polynesischen Sprachen gesehen, aber diese Art von Kontakt ist mit einer umfassenden und systematischen Beschäftigung nicht zu vergleichen. Bis auf die recht komplexe Derivationsmorphologie, auf deren Erkundung ich mich sehr freue, ist die indonesische Grammatik sehr übersichtlich, so dass ich mich gleich auf die Lexik und die kulturell sehr interessanten Kompositabildungen stürzen kann, zum Beispiel:

batu bara Stein Glut “Kohle”
daerah kumuh Bezirk schmutzig “Slum”
kamar kecil Zimmer klein “Toilette”
muka tebal Gesicht dick “schamlos”
toko serba ada Laden alles vorhanden “Kaufhaus”
Veröffentlicht unter Indonesisch | Kommentare deaktiviert

Russisch (русский язык)

Nach einer Woche voller Verwandtschaftsbesuche und anderer liebgewordener Ablenkungen kehrt gerade wieder etwas Ruhe ein, so dass ich über Russisch als Sprache dieser Woche wieder etwas mehr schreiben zu können hoffe. Die russische Sprache ist mir schon seit meiner frühen Jugend recht vertraut, mit ihr habe ich meinen sprachlichen Horizont erstmals über die üblichen Schulsprachen hinaus erweitert. Gebrauchstexte kann ich in der Regel immer noch problemlos lesen, auch klassische Literatur ist für mich genießbar, aber wegen Vokabellücken recht anstrengend.

Gesprochen habe ich Russisch schon ewig nicht mehr, obwohl ich im Freundeskreis und unter Kommilitonen viel Gelegenheit dazu hätte. Allerdings ist sowohl das Englisch als auch das Deutsch potenzieller Gesprächspartner viel besser als mein eingerostetes mündliches Russisch, weswegen ich meine Kenntnis der Sprache normalerweise etwas verstecke.

In eine Grammatik habe ich vielleicht vor acht Jahren das letzte Mal geschaut. Beim nochmaligen Durchgehen von Teilen der Grammatik heute auf der Suche nach Kenntnislücken konnte ich mich sehr gut daran erinnern, wie kompliziert mir manches damals vorkam, das heute mit linguistischer Bildung und wesentlich mehr Erfahrung mit Sprachen viel weniger furchterregend wirkt.

Als ein kleines Beispiel seien hier die wahrscheinlich in jedem Lehrbuch als unregelmäßige und schlicht auswendig zu lernende Hunderterzahlen genannt:

сто sto “hundert”
две́сти dvésti “zweihundert”
триста trísta “dreihundert”
четыреста četýresta “vierhundert”
пятьсот pjat’sót “fünfhundert”
шестьсот šest’sót “sechshundert”
usw.

So weit ich mich erinnere, ist mir schon damals aufgefallen, dass das сот bei “fünfhundert” und “sechshundert” der – völlig regelgemäße – Genitiv Plural von сто ist. Die Form ist wenig überraschend, denn Zahlen, deren letzte Ziffer größer als 4 ist, fordern auch sonst, dass das Gezählte im Genitiv Plural steht. Dass auch “dreihundert” und “vierhundert” diesem Muster folgen, fällt mir jetzt erst auf: ста ist der völlig regelmäßige Genitiv Singular, der sonst nach Zahlen mit den Endziffern 2,3,4 steht.

Bleibt als letzte Unregelmäßigkeit das -сти bei “zweihundert”. Eine Sonderform für die Zahl “zwei”? Das riecht doch verdächtig nach einer Dualform! Und siehe da, Викисловарь (= Wiktionary) vermeldet die Herkunft aus dem altkirchenslawischen дъвѣ сътѣ, wobei сътѣ tatsächlich Form eines noch völlig produktiven Duals zu sein scheint, der auf Russisch nur noch in solchen Restformen erhalten ist. Mit ein wenig diachroner Betrachtung reduziert sich dieses Problem also zu völlig regelmäßigen Formen.

Veröffentlicht unter Russisch | Kommentare deaktiviert